Schlagwort: Polizeigewalt
Mit Maschinenpistolen in den Wald: Neue Eskalationsstufe der Polizei
Es ist nur eine knappe SMS, die am ersten Mai um 14.44 das Telefon summen lässt, doch hektischer Ton lässt aufhorchen: „Zwischen Endor und Krähennest soll eine Wagenburg geräumt werden. Krähennest umstellt. Cops bei Manheim und Endor mit MGs, Heli Hummel 6 kreist.“ Die Nachricht kommt aus dem Hambacher Wald, wo ausgerechnet an diesem Tag niemand mit einem größeren Polizeieinsatz gerechnet hat. Hobby-Flugbeobachter können im Internet verfolgen, dass sich der Polizeihubschrauber „Hummel 6“ um 14.23 Richtung Tagebau Hambach auf den Weg gemacht hat; Fotos auf Twitter zeigen kurz darauf eine größere Ansammlung von Polizeifahrzeugen am Rand des Waldes.
Eine knappe Stunde später ist die Polizei fort. Hinterlassen hat sie mehrere Personen, die im Schutz der Bäume erst einmal ihre Tränen trocknen müssen.
Weil die Gefühle bei den Waldbesetzern hochkochen und „am Feiertag“ (so die Leitstelle der Aachener Polizei) in der Polizei-Pressestelle auf Anhieb niemand zu erreichen ist, fügt sich das Bild der Lage nur allmählich zusammen: Unvermittelt seien Polizei und RWE-Security am Waldrand aufgetaucht; die Nachricht habe sich schnell im Wald verbreitet und zahlreiche Aktivisten als Beobachter auf den Plan gerufen, so ein Augenzeuge. Ein Container mit Pumpentechnik des Tagebaubetreibers RWE sei aufgebrochen worden, und da es immer wieder zu Übergriffen auf RWE-Personal käme, habe der Konzern die Polizei Aachen um Amtshilfe gebeten, so eine Sprecherin der Polizei. Weil sie vom Wald aus die Polizei neben dem am Straßenrand geparkten Van ihres Freundes gesehen habe, so eine Aktivistin, sei sie aus dem Wald hinausgetreten, um nachzuschauen, wo er sei. „Als ich aus dem Wald kam, war die Waffe eines Polizisten auf mich gerichtet. Ich hatte meinen Rucksack im Wald gelassen und die Arme erhoben. Menschen hinter mir im Wald haben ‚Waffe runter‘ gebrüllt. Die Antwort der Polizei: ‚Lasst ihr die Waffen runter.‘ Antwort zurück: ‚Wir haben keine.‘ Darauf hat mich der Polizist aufgefordert, meine Jacke abzulegen und seine Waffe dann auch gesenkt.“ Ein RWE-Mitarbeiter habe der verängstigten Frau dann mitgeteilt, der Van habe bis zum nächsten Tag zu verschwinden, „Sonst gibt es hier das gleiche Spiel noch einmal.“ Am Telefon mit der Stimme ihres Anwalts konfrontiert, habe der Polizist gesagt: „Was interessiert mich die rechtliche Grundlage.“
Dass die Polizisten an diesem Tag mit Maschinenpistolen bewaffnet zum Wald gefahren sind, ist der Polizeisprecherin bekannt, es sei Teil der Strategie gewesen. Dass tatsächlich Waffen auf Waldbewohner gerichtet wurden, ist ihr neu. Und dass die Polizei hinzugezogen wurde, um sich um falsch geparkte Fahrzeuge zu kümmern … „das ist doch Aufgabe des Ordnungsamtes!“
Immer wieder und längst nicht nur zu Räumungszeiten leistet die Polizei am Hambacher Wald teilweise mit großem Aufwand Amtshilfe, wenn RWE anruft. Als sich am 19. September 2019 eine große Gemeinschaft von Freunden aus Wald und Zivilgesellschaft sowie Pressekollegen an der Stelle versammelte, wo ein Jahr zuvor der Blogger Steffen Meyn abgestürzt war, ließ die unmittelbar über den Wipfeln kreisende „Hummel“ nicht lange auf sich warten. RWE habe um Amtshilfe gebeten, weil ein Bagger besetzt sei, hieß es damals aus der Polizei-Pressestelle. Die Polizei reagierte prompt und mit großem Aufgebot … während besagter Bagger wenige hundert Meter von den entsetzten Trauernden entfernt völlig ungestört weiter daran arbeitete, den Abstand zwischen Tagebau und Waldrand zu verringern.
„Was hier passiert, macht mich fassungslos“, sagt Antje Grothus. Das ehemalige Mitglied der „Kohlekommission“ lebt in Buir ein paar hundert Meter vom Hambacher Wald entfernt. „Polizeieinsätze in diesem Stil, dazu noch ohne die sonst beteiligten und bekannten Kontaktbeamten, können nur den Zweck verfolgen, WadschützerInnen zu kriminalisieren. Das schafft Unfrieden und vertieft Gräben. Und Szenen mit gezückter Waffe haben wir hier noch nicht erlebt. Das ist eine ganz neue Stufe der Eskalation in einer Zeit, in der wir eigentlich alle ganz andere Sorgen haben, und es zerstört weiter Vertrauen in die, die eigentlich jetzt mehr denn je dazu da sein sollten, uns zu schützen.“
(Barbara Schnell)
In Datteln festgenommene Theolog*innen: NRW-Landesregierung hält Handeln der Polizei für überzogen
Pressemitteilung Institut für Theologie und Politik, Münster.
Die NRW-Landesregierung hat sich nun auf die Kleine Anfrage der Landtagsabgeordneten Verena Schäffer, Josefine Paul und Wibke Brems (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) vom 11.02.20 zur Gewahrsamnahme unserer KollegInnen Dr. theol. Julia Lis und Benedikt Kern sowie ihres Begleiters Niels Laakmann, in der Nähe des Kraftwerks Datteln IV geäußert (Drucksache 17/8834).
Am 01.02.2020 waren die drei von der Polizei Recklinhausen in präventiven Gewahrsam genommen worden, weil sie sich als BeobachterInnen im Umfeld des Kraftwerks Datteln IV im Vorhinein zu den Protestaktionen von Ende Gelände aufgehalten hatten. Die Landesregierung erklärte nun, das Polizeipräsidium Recklinghausen bewerte „die vollständige Entkleidung als kritisch und für eine auf den jeweiligen Einzelfall bezogene tragfähige Ermessensentscheidung nicht ausreichend substantiiert. Gleiches gilt für das nahezu unbekleidete Verbringen der Nacht in den Gewahrsamszellen.“ Die Abläufe im Bereich des Polizeigewahrsams würden nun überprüft, und das Ministerium des Innern schließe sich dieser kritischen Bewertung an.
Auf die Frage, welche die tatsächlichen Anhaltspunkte für die Gewahrsamnahme waren, antwortete die Landesregierung nicht, mit Verweis auf die von den betroffenen TheologInnen erhobenen und noch laufenden Klagen. Hinsichtlich des verhängten Betretungsverbotes für die Betroffenen einer Zone um das Kraftwerk Datteln IV, nennt die Landesregierung ebenfalls keine näheren Gründe unter Verweis auf die am VG Gelsenkirchen laufende Klage, die bereits in einem Eilverfahren im Sinne der Betroffenen entschieden wurde, da das VG Gelsenkirchen der Auffassung war, das Handeln der Polizei sei rechtswidrig gewesen (siehe hierzu die Pressemitteilungen des VG Gelsenkirchen und des ITP vom 14.02.2020).
Dr. theol. Julia Lis erklärt: „Wir sind froh über die offensichtliche Distanzierung vom Vorgehen der Polizei und die kritische Nachbereitung der Gewahrsamnahme durch die Landesregierung. Vor allem halten wir abgesehen von unserem konkreten Fall das Entkleiden von Personen im Gewahrsam
ohne ausreichende Gründe auch generell für rechtswidrig, wie es das VG Köln ja auch bereits 2015 festgestellt hatte hatte. Daher fällt die Bewertung des polizeilichen Handelns durch die Landesregierung bei weitem zu milde aus, zumal die Gründe für die Präventivhaft immer noch nicht erklärt werden. Wir halten die Vorgehensweise der Polizei insgesamt für einen Verstoß gegen Grundrechte, was wir derzeit versuchen gerichtlich bestätigen zu lassen.
„Politisch muss nun darauf gedrängt werden, dass eine solche Form der Einschüchterung der Klimabewegung und solidarischer Beobachtung des Protestes gegen Datteln VI nicht stattfindet“, so Benedikt Kern, Theologe. „Der Schutz von Konzerninteressen durch den Rechtsstaat scheint offensichtlich ein höheres Gut sein als die Demokratie. In den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst wurde ähnlich vorgegangen. Unsere jahrelange Forschung und theologische Reflexion zeigt jedoch, dass Soziale Bewegungen durch ein so skandalöses Vorgehen eher gestärkt werden. Es ist davon auszugehen, dass die Proteste um Datteln IV und gegen Grundrechtseinschränkungen weiterhin relevant bleiben werden – auch inmitten der Corona-Krise, in der das öffentliche Leben massiv eingeschränkt ist.“
Die Antwort der Landesregierung auf die Kleinen Anfrage ist abrufbar unter:
https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD17-8834.pdf
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